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Ali, Ali & Ali

(K)ein Märchen aus 1001 Nacht

Vor 25 Jahren hatte Ali aus dem Morgenland (*) eine lange Reise angetreten, die ihn schließlich zu den Arabern brachte. Tag und Nacht dachte er nur an sein Volk, dem er geschworen hatte, es von einem großen Despoten zu befreien. Er fühlte sich wie einst Saladdin zu Zeiten der Kreuzzüge.

* So hatten ihn seine Freunde genannt, damit sein wahrer Name Abdullah geheim blieb. Da er aus Urfa stammt, nennen wir ihn Ali aus Urfa.

In der Heimat ließ er verkünden, daß aus jeder Familie der älteste Sohn, wenn es keinen Sohn gab, dann die Tochter Ritter werden müsse, um den Despoten zu besiegen. Viele, viele kamen in sein Lager und kehrten auf verschlungenen Pfaden wieder in die Heimat zurück. Schon bald hörte man von Toten, denn der Despot hatte ganze Heerscharen mit moderner Ausrüstung in die Schlacht geworfen. Die RitterInnen von Ali aus Urfa trotzten jedoch der Übermacht und genossen hohes Ansehen im Volke.

Die Kunde des heldenhaften Kampfes war schon bald bis zum Abendland vorgedrungen und wurde in den Fürstentümern, in denen die Menschen unter dem Joch der Steuer stöhnten, freudig aufgenommen. Doch bald folgten traurige Nachrichten über die Ritter im Morgenland. Es hieß, daß auch sie Steuer vom Volk erpressten, ja ihnen sogar ihr Vieh stahlen, wenn sie nichts zu essen hatten. Zu hören war von Morden an einfachen Bürgern und Lehrern, wenn sie nicht "Nieder mit dem Despoten, lang lebe Ali!" riefen. Wie verlautete, sollten Liquidierungen in den eigenen Reihen an der Tagesordnung sein.

Einer der Ritter hatte daraufhin seine Rüstung abgelegt und war ins Abendland geflohen. Er schrieb ein Buch und nannte Ali aus Urfa einen Diktator. Dieser sandte Häscher aus, um den Ritter zu ermorden. Der Ritter versteckte sich, bis er eines Tages auf Ali aus dem Abendland (**) traf. Dieser Ali war von Beruf ein Schreiber und überzeugt, daß er sein Leben der Meinungs- und Pressefreiheit widmen solle. Mit allem Mut, den er seiner 68er Generation verdankte, war er ein moderner Richard Löwenherz.

** Er hatte einst als Bergarbeiter verkleidet die Rassisten in seinem Lande entlarvt und war für alle Döner-Buden-Besitzer zu einer Legende geworden. Nennen wir ihn nach seiner Heimat Ali aus Köln.

Ali aus Köln redete lange mit dem geflohenen Ritter und entschloß sich, Ali aus Urfa zu besuchen, um für den Ritter um Gnade zu bitten. Er traf auf einen Ali aus Mahabad (Persien), der sich dem Volke des Ali aus Urfa sehr verbunden fühlte und es als Ehre ansah, die Alis zusammenzubringen.

Mit einer kleinen Schar, darunter ein Botschafter aus Schweden, einem ökologischen Ideologen, der als "Grüner" den Spagat zwischen Orient und Okzident versuchte und einem Simultan-Dolmetscher machte Ali aus Köln sich zu Weihnachten 1996 auf den abenteuerlichen Weg, auf dem er sich als "businessman" ausgab, um die Grenzen zu passieren.

Für eine Schlacht war er schlecht gerüstet, denn außer seiner Schreibfeder hatte Ali aus Köln keine Waffe bei sich. Die gefährlichste Waffe, ein Fernsehteam, hatte er mit Rücksicht auf seine heikle Mission zu Hause gelassen. Ali aus Köln vertraute auf den Dolmetscher, der bei dem zu erwartenden Rededuell die Speerspitze im richtigen Augenblick der Gegenseite entgegen strecken sollte.

Als Ali aus Köln endlich bei den Arabern eintraf, hatten die Kundschafter längst seinen Besuch angekündigt und Ali aus Urfa wußte genau, was ihn erwartete. Vor der Stadt wurde ein Lager aufgeschlagen und die Lage geortet (im Hochdeutschen auch "sightseeing" genannt). Aber Ali aus Urfa ließ Ali aus Köln warten, während Ali aus Mahabad zwischen den Fronten hin- und herreiste. Nach einer Woche kam Ali aus Mahabad endlich mit der frohen Nachricht, daß Ali aus Urfa bereit sei, Ali aus Köln und seinen Freunden über sich zu erzählen.

Anstelle von Gastgeschenken hatte die Delegation ein Papier von amnesty international mitgebracht, in dem von der Entführung eines Lehrers durch die RitterInnen von Ali aus Urfa die Rede war. Nur mühsam konnte Ali aus Urfa seine Wut verbergen und meinte, Schweden solle sich lieber um den Mord an Olof Palme kümmern. Sein Volk werde niedergemetzelt, da könne er sich nicht um Einzelne kümmern. Dann entwarf er die ausschweifende Theorie einer Truppe genannt 'Gladio', die von Amerika, über Südafrika bis hin nach Schweden ihre Netze spann und neben Palme auch viele Ausländer im Reiche Karl des Großen auf dem Gewissen habe. Der Brandanschlag von Solingen ginge schließlich auch auf ihr Konto.

Ali aus Köln wollte protestieren, aber da wurde zu Tisch gerufen. Ali aus Urfa ließ es sich munden und zur Freude des ökologischen Ideologen verkündete er, daß der rote Militant Geschichte sei und er ein grüner Militant sei, der in Zukunft Häuser auf Stelzen bauen lasse, damit Grünflächen erhalten blieben. Während Saladdin und Richard Löwenherz sich an die Urchristen erinnerten, kam das Gespräch auf den Bischof von Aleppo, der Ali aus Urfa mit dem heiligen Jesus verglichen hatte, woraufhin dieser sich berufen fühlte, die vierte Religion im Nahen Osten zu gründen.

Schon hatte Ali aus Köln fast vergessen, warum er hergereist war, als es dem schwedischen Botschafter gelang, mit dem Wort "Lehrer" die Monologe für den Bruchteil einer Sekunde zu unterbrechen. Nun nahm Ali aus Köln sein Löwenherz in die Hand und verlangte, daß das Todesurteil gegen einen Buchau¬tor vom Tisch müsse. Während der Dolmetscher simultane Salto-mortale vornahm und Ali aus Mahabad dazwischen brabbelte, daß er Ali aus Köln schon vorher alles erklärt habe, ließ Ali aus Urfa von seinen Untergebenen den Tisch abräumen und forderte die Gäste zu einem Spaziergang mit anschließen¬dem Unterricht auf.

Vor versammelter Mannschaft sprach Ali aus Urfa zur Verblüffung aller ohne Umschweife das Anliegen von Ali aus Köln an und sagte, daß sein Ritter aus dem Versteck kommen und mitmachen solle. Sofort sprang eine Ritterin aus der Runde auf und verkündete in einer Rede, die wie die Salve aus einem Maschinengewehr klang, daß sie lange mit dem Ritter gemeinsam ins Feld gezogen sei. Er habe immer schon die Persönlichkeit eines notorisch Oppositionellen gehabt und sich nun auch noch an den heiligen Werten der Führerschaft vergangen. Sie werde in keinem Fall den Ritter wieder in der Runde akzeptieren, erst wenn er die Größe der Führerschaft anerkenne. Die Monologe der RitterInnen nannte sie eine neue Form der Diskussion, in der jeden gegen jeden Krieg führe, wobei der Krieg gegen die Führerschaft den Krieg gegen den Despoten noch an Schärfe übertreffe.

Ali aus Köln sah nun die Gelegenheit gekommen, seine Speerspitze einzusetzen. In einer in der Ritterrunde unbekannten Terminologie bestand er auf eine eigene Meinung und sprach von Menschenrechten und Dialog. So wurde sein Kollege, der desertierte Ritter begnadigt, womit Ali aus Urfa seine Größe bewiesen hatte. Eine schüchterne deutsche Ritterin war ob dieser Entwicklung ganz verwirrt und brachte alle Sprachen, die sie beherrschte, durcheinander. Ihr zaghaftes Stimmchen war sowieso kaum hörbar, als Ali aus Urfa ihre Röte im Gesicht damit erklärte, daß sie Jesus nicht verlassen wolle.

Aber sie bewirkte, daß Ali aus Urfa richtig in Fahrt geriet, sein Volk eine stinkende Leiche nannte und Ali aus Köln aufforderte, die Leiche gemeinsam zu beerdigen. Aber Ali aus dem Abendlande hatte keine Schaufel und auch keine Batterien mehr, um den Rest des wieder zu einem Monolog verkommenen Rededuells auf seinem Diktiergerät aufzunehmen.

Zum Hintergrund:

Auszüge aus dem Gespräch von Wallraff und Öcalan im Archiv von "Die Zeit"

Interview mit Walraff in TAZ Darin stützt sich Wallraff stark auf den Dolmetscher.

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