Dev-Yol

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Emblem von Dev-Yol

Devrimci Yol (Revolutionärer Weg, auch Dev-Yol) betrat zum ersten Mal am 1. Mai 1977 mit der ersten Ausgabe der gleichnamigen Zeitschrift die politische Bühne. (Quelle: Die auch als Erklärung (bildirge) bezeichnete Ausgabe kann im Originalwortlaut im Internet nachgelesen werden.) Sie bildete sich aus Mitgliedern der Föderation der Revolutionären Jugend der Türkei (Dev-Genç) in Auseinandersetzung mit den Thesen der Türkischen Volksbefreiungspartei-Front (THKP-C) des Mahir Çayan. Dev-Yol betrachtete sich selber eher als Bewegung, obwohl sie marxistisch-leninistische Organisationsprinzipien verfolgte. Nach dem Militärputsch in der Türkei 1980 wurden viele Prozesse gegen Anhänger der Organisation geführt, so dass ein organisatorischer Zusammenhalt verloren ging.

Selbstdarstellung

Es befinden sich einige Seiten im Internet, die an die Ideen von Dev-Yol, ihre Errungenschaften, aber auch ihre Opfer (die Todesopfer werden in der türkischen Tradition als Märtyrer bezeichnet) erinnern. Dazu zählt eine Seite namens devrimciyol.org (Quelle: Archiv von Devrimci Yol), die sich als Archiv von Devrimci Yol bezeichnet, oder eine Seite mit dem Titel devrimci hareket.net (Quelle: Revolutionäre Bewegung). Beide sind allerdings in Türkisch und bieten kaum ins Englische oder ins Deutsche übersetztes Material an. Im November 1980 gab ein Verein in Hamburg mit dem Kürzel HTIIB eine Broschüre mit dem Titel Die Sozialistische Bewegung in der Türkei heraus. Da sie mit dem Emblem von Devrimci Yol erschien, kann sie als Selbstdarstellung gelten. Hier heißt es ab Seite 25 u.a.:

"[...] bei allen Unterschieden lässt sich sagen, dass Dev-Yol seinen Ursprung in der THKP-C hat. Eine Vorstufe für Dev-Yol bildete die Organisation der revolutionären Jugend, Devrimci Gençlik. [...] Aber auch in bestimmten Berufsverbänden, Arbeiterorganisation und Städten fanden sich Leute, die die Thesen der THKP-C verteidigten. [...] Devrimci Yol bezeichnet die derzeitige Herrschaftsform in der Türkei als Faschismus vom kolonialen Typ. [...] Wir haben aber gesehen, dass ein antifaschistischer Kampf unmittelbar mit dem Kampf gegen den Imperialismus verbunden ist. [...] Der bewaffnete Kampf bedeutet lediglich die Systematisierung und den Ausbau der versprengten Widerstandskämpfe gegen den Faschismus."

Anklageschrift der militärischen Staatsanwaltschaft in Ankara

Nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 wurde der zentrale Prozess gegen Angehörige von Devrimci Yol vor dem Militärgericht in Ankara geführt. Dort waren 723 Personen angeklagt. Gegen 74 von ihnen plädierte am 4. Mai 1988 der Staatsanwalt auf Todesstrafe. (Quelle: Bericht von amnesty international vom 27. Juni 1988, AI Index: EUR 44/47/88) Der Prozess hatte am 18. Oktober 1982 begonnen. In der Anklageschrift hatte der Militärstaatsanwalt Oğuzhan Müftüoğlu, Nasuh Mitap, Ali Başpınar, Melih Pekdemir, Ali Alfatlı, Mehmet Akın Dirik und Mehmet Ali Yılmaz als Mitglieder des Zentralkomitees bezeichnet, das im April 1979 geformt wurde. Neben den so genannten Widerstandkomitees, deren Aufgabe der Kampf gegen den Faschismus aber auch zur Übernahme der Macht im Lande gewesen sei, habe es aber auch bewaffnete Widerstandskomitees gegeben. (Quelle: Tageszeitung Cumhuriyet vom 01.11.1982)

Verfahren gegen Devrimci Yol mit Todesstrafe

Massenprozesse vor Militärgerichten

Einige Verfahren, die nach dem Militärputsch vom 12. Oktober 1980 gegen Angehörige der Devrimci Yol geführt wurden und in denen Todesstrafen verhängt wurden sind: (Quelle: Die Angaben sind vorwiegend einer Aufstellung der alternativen türkeihilfe vom 2006.1986 entnommen. Sie beruhen auf Meldungen in der türkischen Presse, d.h. die Datenangaben sind die Daten der Berichterstattung.)

Ort Datum Angeklagte Todesstrafe
Izmir 30.07.1981 18 3
Adana 10.11.1981 57 7
Gölcük 21.04.1983 49 2
Iskenderun 15.09.1983 150 5
Izmir 19.11.1983 115 4
Giresun 25.01.1984 291 8
Ünye 22.04.1984 64 5
Usak 22.05.1984 107 13
Elazig 29.01.1985 41 3
Merzifon 16.05.1985 901 1
Artvin --.11.1985 939 11
Samsun 05.04.1986 47 2
Gölköy 06.06.1986 101 3
Adana 18.06.1986 331 19
Ankara 17.07.1989 723 7 (Quelle: Zahlen sind der Meldung aus Habervitrin entnommen)
Fatsa 1989/1990? 811 8 (Quelle: Halil Nebiler. Pişman İtirafçılar. İstanbul Kasım 1990)

Yeni Politika vom 06.07.1995 berichtet vom Revisionsverfahren der Fatsaner vor der 11. Strafkammer des Kassationshofs. Danach gab es 460 Angeklagte, von denen 149 freigesprochen worden waren. Die Freisprüche wurden bestätigt. Ebenso die Entscheidung in 64 Fällen auf Verjährung zu entscheiden. Auf der anderen Seite wurde für 20 Angeklagte die Todesstrafe gefordert.

Hinrichtungen

von Devrimci Yol Anhängern (zwischen 1980 und 1984)

  • Veysel Güney in Gaziantep am 11.06.1981
  • Mustafa Özenç in Adana am 20.08.1981
  • İlyas Has in İzmir am 07.10.1984
  • Hıdır Aslan in Burdur am 25.10.1984

Verfassungsschutzberichte

Sowohl das Bundesamt für Verfassungsschutz als auch die Landesämter haben beständig auf Devrimci Yol als eine Organisation der extremen Linken aus der Türkei verwiesen. Exemplarisch sei hier auf den Verfassungsschutzbericht 2005 (Quelle: [1] )eingegangen

"Die Organisation „Devrimci Yol“ galt in den 1970er Jahren in der Türkei wegen ihrer terroristischen Aktivitäten als die gefährlichste Extremistengruppe [...] Seit Jahren ist die Gruppe in der Türkei nicht mehr terroristisch tätig, erinnert aber auf ihrer Internetseite weiterhin an ihre Vergangenheit. In Deutschland trat die Organisation Devrimci Yol seit 1984 vornehmlich unter der Bezeichnung Devrimci İşçi ("Revolutionäre Arbeiter") auf. Seit 1993/1994 zerfiel sie jedoch infolge von Inaktivität und Führungsschwäche ihrer Funktionäre. Zurzeit verfügt sie in Deutschland nur noch über wenige Mitglieder."

Weitere Quellen

Im Anhang 4 (Illegale türkische Parteien und Gruppierungen) des Werkes der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) mit dem Titel Türkei - Turquie (Bern 1997) steht ab der Seite 121 zur Ideologie und den Zielen der Devrimci Yol:

  • Unabhängiger Sozialismus marxistisch-leninistischer Ausrichtung
  • Hauptziel ist, sich im geeigneten Zeitpunkt als Partei zu organisieren, um die Revolution zu verwirklichen,
  • Kampf gegen Imperialismus und Faschismus, politische Schulung und allgemeine Bildung der Bevölkerung,
  • Aufbau von Widerstandskomitees (Direniş Komiteleri)

Zu den Widerstandkomitees wird auf Seite 123 u.a. folgendes gesagt:

"Es galt, das Volk zu organisieren und es zur Selbsthilfe zu erziehen. Die Bewaffnung sollte nicht als offensives Mittel und willkürlich, sondern lediglich für die Defensive und ganz gezielt eingesetzt werden. [...] Ein vordringliches Ziel dieser Komitees bestand im Aufbau von Produktionskooperativen. In Selbstverwaltung in Fatsa, eine Stadt am Schwarzen Meer, wurden Haselnusskooperativen gegründet."

Zur aktuellen Lage heißt es auf Seite 122 und 123:

"In der zweiten Hälfte der 80er Jahre muss die Devrimci Yol als nicht mehr existent angesehen werden, obwohl sich zahlreiche ehemalige AnhängerInnen auf verschiedenen Ebenen neu organisiert haben. [...] Viele organisieren sich im Kampf um die Einhaltung der Menschenrechte. [...] Was die ehemaligen AnführerInnen der Devrimci Yol betrifft, haben sich diese vorwiegend in der Özgürlük ve Dayanışma Partisi (ÖDP) organisiert." (Quelle: Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH): Türkei - Turquie (Bern 1997), Autoren: Denise Graf - Bülent Kaya)

Auf der Website nadir.org (Quelle: "Die türkische Linke und ihre Perspektiven" (Teil 3)) ist zu lesen:

"Die dritte Strömung der türkischen Linken war die sogenannte "unabhängige" Linke, deren Führung aus der Guerillabewegung (THKP-C-Gruppe) kam, und die im Laufe der 70er Jahre unterschiedliche Veränderungen durchlief. Sie spalteten sich in viele Gruppen. Alle sahen sich als Vertreter der Linie Mahir Çayans. Sie verankerten sich aus Studenten und kleinbürgerlichen Intellektuellen. In kurzer Zeit aber wurden sie auch in den Metropolen und rückständigen Regionen Anatoliens zu Massenorganisationen. Die wichtigsten dieser Gruppen nannten sich "Dev Yol" (Revolutionärer Weg), "Dev Sol" (Revolutionäre Linke) und "Kurtuluş" (Befreiung). Die größte Gruppe war "Dev Yol". Die Erinnerung an die Niederlage der Guerillabewegung war sehr lebendig. Daher hielt die Führungskader lange Zeit die Bedingungen für einen Guerillakrieg nicht reif genug. So kam es zu der ersten Spaltung, aus der "Dev-Sol" hervorging, die sofort zur bewaffneten Propaganda überging."