Bildungssystem in der Türkei

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Zu diesem Thema existierte im November 2012 eine Seite in der englischen Wikipedia Education in Turkey, die ich überarbeitet habe und eine Seiten in der türkischen Wikipedia Türkiye'de eğitim ve öğretim sistemi, die ich aber nicht hilfreich fand. In der deutschen Wikipedia gibt es nur auf der Seite zur Türkei einen Abschnitt Bildungssystem, der aber zu einer eigenen Seite ausgebaut werden könnte. Dies hier ist ein Entwurf.

Einleitung

In der letzten Erziehungsreform von 1997 wurde die gesetzliche Schulpflicht von 5 Jahren auf 8 Jahre erhöht.[1] Mit dem Gesetz vom 30. März 2012 wurde die Schulpflicht auf 12 Jahre angehoben.[2] Das türkische Schulsystem ist zentral organisiert und untersteht dem Ministerium für Nationale Erziehung (MEB) in Ankara, das alle Curricula und Lehrbücher (auch von Privatschulen) genehmigen muss.[1]

Geschichte

Bis zum Jahre 1839 vertrat das Schulwesen in seinen Grundzügen eine theokratisch-feudale Ordnung: Einerseits gab es Grundschulen ("Sıbyan Okulu"), die von den einfachen Volkskindern besucht wurden und nicht obligatorisch waren. Anderseits gab es die Höhere Schulen ("Medrese"), die von Kindern wohlhabender Familien besucht wurden. Beiden gemeinsam war die religiöse Art der Er­ziehung.[3]

Die Reformen Atatürks waren auf die Schaffung eines einheitlichen Schulaufbaus, eine laizistische Erziehung und kostenlose Bildung für alle Kinder ausgerichtet. Dem entsprechen die Reformen von 1924-1926.[3] 1928 wurde die arabische Schrift abgeschafft und an ihrer Stelle die lateinische Sprache eingeführt. Ferner wurde eine "Reinigung des Türkischen“ durchgeführt; es wurde das so genannte "öztürkçe" (das reine Türkisch) ein geführt: Wörter mit persischem oder arabischem Ursprung wurden durch türkische Ausdrücke ersetzt.[4] Das Gesetz Nr. 2287 von 1933 bildete die Grundlage für die Einrichtung des Ministeriums für Nationale Erziehung. Es gab im Laufe der Zeit Namensänderungen, die sich auf die Kompetenzbereiche bezogen. So war das Ministerium eine Zeitlang im Kultusministerium angesiedelt (1935-1941). Dann hieß es Ministerium für Nationale Erziehung, Jugend und Sport (1983-1989). Dazwischen und seit 1989 heißt es Ministerium für Nationale Erziehung.[5]

Der Aufbau: vom Ministerium zur Schulbehörde

Die Angaben in diesem Abschnitt sind (sofern nicht gesondert angegeben) dem Werk von Ahmet SAYGI ve Mehmet RÜŞEN Kamu Yönetimi - Örgütlenme vom 3. Januar 2012 entnommen (eigene Übersetzung).

Das Ministerium für Nationale Erziehung wurde zu Zeiten des Befreiungskrieges am 2. Mai 1920 gegründet. Zu dem Zeitpunkt hatte das Ministerium 21 Mitarbeiter in vier Abteilungen: Grundschule, Mittelschule, Kultur und Statistik. Jetzt gibt es einen Minister. Staatssekretäre, stellvertretenden Staatssekretäre, einen Ausschuss für Erziehung und Unterricht und Einheiten für verschiedene Dienste.

Sämtliche Befugnisse (Einstellungen, Versetzungen, Ernennungen, Erlassen von Vorschriften, Entwicklung von Programmen etc.) liegen beim Ministerium. Daher sind dort viele Personen beschäftigt. Der Ausschuss für Erziehung und Unterricht bereitet die Unterrichtsmaterialien vor. Neben der zentralen Verwaltung gibt es die "Verwaltung auf dem Lande" (tr: Taşra Teşkilatı). Sie ist auf provinzieller und Kreisebene organisiert und kann (je nach Größe) auch Schulverwaltungen beinhalten. Die Direktoren für nationale Erziehung auf Provinzebene unterstehen dem Gouverneur (und dem Ministerium). Hier gibt es die Abteilungen "Kontrolle", "Lernmaterial", "Beratung und Recherche". Dieses Direktorat ist auch für die Direktorate auf Kreisebene verantwortlich.

Die Direktorate für nationale Erziehung auf Kreisebene sind für den Unterricht in der Kreisstadt und den dazu gehörenden Dörfern zuständig. Die Direktoren unterstehen dem Landrat und dem Direktor für Nationale Erziehung auf Provinzebene. Schulverwaltungen setzen sich in der Regel aus dem Direktor und dem Lehrkörper der Schule zusammen.

Mit der Verordnung 190 mit Gesetzeskraft (tr: Kanun Hükmünde Kararname) vom 14. September 2011, die im Amtsblatt 28054 veröffentlicht wurde, gab es eine Neustrukturierung im Ministerium. Die Dienste werden nun nicht mehr in Haupt- und stützende Dienst aufgeteilt, sondern als "Einheiten der Dienste" zusammen gefügt. Auch andere Abteilungen wurden zusammen gelegt, aber es wurden auch neue Dienststellen geschaffen. Die Direktorate für Vorschule und Grundschule wurden zu einem Direktorat der Grundausbildung zusammen gefasst.

Neben der Verwaltung auf dem Lande gibt es auch eine Abteilung für Schulbildung im Ausland. Unter den verschiedenen Direktoraten (für besondere Angelegenheiten) gibt es auch ein Direktorat für die Europäische Union und auswärtige Beziehungen (tr: Avrupa Birliği ve Dış İlişkiler Genel Müdürlüğü). Der Ausschuss für Erziehung und Unterricht setzt sich aus einem Vorsitzenden und 10 Mitgliedern zusammen. Der Vorsitzende wird für die Dauer von 4 Jahren ernannt. Er berät den Minister in allen Fragen des Curriculums.

Grundlegende Schulbildung

Dauer der Schule bis zum "Abitur"

Bis 1997 gliederte sich die Schulbildung in 5 Jahre Grundschule (tr: ilk okul), 3 Jahre Real- oder Mittelschule (tr: orta okul) und 3 Jahre Gymnasium (tr: lise), von denen nur die Grundschule obligatorisch war. Nach dem post-modernen Putsch der Generäle vom 28. Februar 1997 war die 8-jährige Schulpflicht eingeführt worden. Sie gliederte sich in zwei Phasen primärer Schulbildung (tr: ilköğretim birinci ve ikinci kademe) von je vier Jahren. Daran schloss sich eine 3-jährige sekundäre Schulbildung an. Erst in dieser Phase hatten es die Generäle erlaubt, auf religiöse Schulen, die Imam-Hatip Gymnasien, zu gehen.

Die Bildungsreform von 2012 kehrt nun zur alten Sprachregelung zurück. Es wird wieder von Grundschule (4 Jahre ilk okul), Mittelschule (4 Jahre orta okul) und Gymnasium (4 Jahre lise) gesprochen, wobei es nach der Grundschule verschiedene Zweige geben kann. Eine besondere Betonung wird auf die Vorschule (tr: okul öncesi eğitim) gelegt. Der Besuch der Vorschulen ist freiwillig.

Vorschule

Die Vorschulerziehung ist freiwillig für Kinder, die noch nicht im Schulpflichtalter sind. Wichtige Ziele: Vorbereitung der Kinder auf die Grundausbildung und darauf, Türkisch korrekt und flüssig zu sprechen. Die Kosten für die staatlichen Kindergärten werden - je nach Art der Erziehungsanstalt - teils von den Eltern, teils vom Staat bestritten. Die Kosten für die privaten Kindergärten bestreiten die Eltern.[1]

Vorschulen werden von Kindern im Alter von 36-72 Monaten besucht. Die Einrichtungen nennen sich Kinderkrippen, Kindergärten oder auch Häuser für Tagesbetreuung. Im Jahr 2001 besuchten 256.400 Kinder 10.500 solcher Einrichtungen, an denen 14.500 BetreuerInnen beschäftigt waren.[6]

Grundschule

Die "erste Schule" (wörtliche Übersetzung des Ausdrucks ilk okul) dauerte bis 1997 fünf Jahre und entsprach der allgemeinen Schulpflicht. Die wöchentliche Unterrichtsstundenzahl beträgt stets 30 Stunden. Ein Schuljahr dauert 190 Schultage.[4] Die frühere fünfjährige Grundschule (der Primärbereich) und die dreijährige Mittelschule (der Sekundarbereich I) wurden 1997 im Primärbereich zusammengezogen. Die Entscheidung, welche Schulform weiterbesucht werden kann, erfolgte nach diesem System erst im Alter von 15 Jahren - nach acht gemeinsamen Schuljahren.[7]

Mittelschule

Zwischen 1997 und 2012 war die ursprünglich 3 Jahre dauernde Mittelschule (tr: orta okul) als Primärbereich II (auch Sekundarstufe II genannt) in die Grundausbildung von 8 Jahren (4 Jahre Grund- und 4 Jahre Realschule) eingegliedert. Nach den Gesetzesänderungen vom März 2012 sind die 4 Jahre Mittelschule nun wieder ein eigenständiger Bereich. Schon ab der 5. Klasse können SchülerInnen unterschiedliche Schulformen besuchen. So bestimmt der Artikel 9 des Gesetzes 6287 zu Änderungen am Gesetz für Grundschule und -ausbildung und anderen Gesetzen, dass auf der Realschule verschiedene Programme angeboten werden können.[8] Die Priesterschulen (tr: imam-hatip ortaokulları) werden ausdrücklich erwähnt. Unterricht über den Koran und das Leben des Propheten Mohammed wurden zu Wahlfächern deklariert.[9] Mit Beginn des Schuljahres 2012/2013 wurden Schulen neu organisiert. Zum Teil wurden Realschulen als Vormittagsunterricht, Grundschulen als Nachmittagsunterricht organisiert. Einzelne Schulen sind nun wieder nur Grund- oder nur Realschule[10]

Auch Kurdisch soll zu einem Wahlfach werden.[11] Die Bedingung ist, dass 10 SchülerInnen sich für ein Wahlfach interessieren und auch Lehrer vorhanden sind, die einen solchen Unterricht erteilen können.[12] Laut dem türkischen Bildungsminister Ömer Dinçer haben sich nur wenig SchülerInnen (25.000) für den Unterricht in einer Sprache oder Dialekte als Wahlfach entschieden, wozu auch Kurdisch und Tscherkessisch gehöre.[13]

Gymnasium

Nach erfolgreicher Beendigung der achtjährigen Grund- und Realschule können weiterführende Schulen - Gymnasien - besucht werden, oder es kann unmittelbar eine betriebliche Berufsausbildung begonnen werden. Es gibt sowohl staatliche Gymnasien (dazu zählen naturwissenschaftliche und die so genannten Anatolien-Gymnasien) als auch private Gymnasien. Technische Gymnasien gibt es für bestimmte Berufe (z.B. Tourismus und Handel). Für bestimmte Berufsgruppen wie Polizei und Eisenbahner gibt es spezielle Gymnasium (teilweise auch Akademie genannt).[1] Aufgrund der Vielzahl von ehemals weiterführenden Schulen (Gymnasien), die zum Teil eine Art Berufsschule sind, möchte das Ministerium die Zahl reduzieren.[14]

Der Meldung zufolge gab es in der Türkei zu diesem Zeitpunkt 1.733 staatliche Gymnasien allgemeinen Charakters. Von den Privatschulen erteilten 849 schwerpunktmäßig Unterricht in Fremdsprachen und bei 252 Privatgymnasium wurde der Unterricht in einer Fremdsprache erteilt. Es gab 437 Anatolien-Gymnasien, 63 staatliche und 72 private Gymnasium, auf denen die Naturwissenschaften im Mittelpunkt standen. Die Zahl der Gymnasien mit vielen Programmen (tr: Çok Programlı Lise) wurde mit 724 angegeben. Für die Lehrerausbildung gab es 115 Gymnasien und an Priesterschulen (tr: İmam Hatip Lisesi) gab es 548. Auf Handel konzentrierten sich 461 Gymnasien und die Zahl der Gymnasien, die sich auf Technik konzentrierten, lag über 300. An "Berufsschulen", die nach Jungen und Mädchen unterteilt sind, gab es mehr als 20 Arten mit einer Gesamtzahl von mehr als 1.000. Im Gesundheitsbereich gab es über 250 Gymnasien und auf Tourismus konzentrierten sich über 250 Gymnasien.[14]

Berufsausbildung

Bis zur Schulreform 1997 konnten Jugendliche an Mittelschulen eine – zumeist geschlechtsspezifische – Berufsausbildung absolvieren. Es gibt weiterhin Berufsgymnasien, die vorwiegend theoretische Kenntnisse vermitteln, während praktische Erfahrungen durch Betriebspraktika in den Ferien erworben werden. Der traditionelle Ausbildungsweg ist eine praktische Ausbildung in einem Handwerksbetrieb, die nach der Pflichtschulzeit aufgenommen wird. Dabei führt der Meister (tr: usta) und Betriebsinhaber den Lehrling (tr: çırak) in Theorie und Praxis seines Berufes ein. Die Lehrzeit beträgt üblicherweise drei bis fünf Jahre und endet bei Jungen spätestens mit Beginn der Militärzeit. Der Meister verleiht dem Jugendlichen den Titel kalfa (etwa: Geselle) und lässt ihn von der jeweiligen Berufskammer bestätigen. Nach einigen weiteren Arbeitsjahren kann der Geselle selbst einen Gewerbeschein beantragen und eine Werkstatt eröffnen.[1]

Es gibt die schulische Berufsausbildung an Berufsgymnasien und technischen Gymnasien, die rein betriebliche Ausbildung und die duale Berufsausbildung (Betrieb plus Schule). Am häufigsten wird die Ausbildung an Berufsgymnasien genutzt. Die duale Berufsausbildung soll nach Ankündigungen durch die Regierung mehr an Bedeutung gewinnen.[15] Das Ausbildungsspektrum mit 153 Ausbildungsberufen ist breit gefächert. Der Nachteil der schulischen Ausbildung besteht darin, dass sie sehr theorielastig ist und es kaum praktische Übungen gibt.[15] Die duale Ausbildung findet abwechselnd in Betrieb (Praxis) und Schule (Berufskunde) statt. Nach Bestehen der Abschlussprüfung, die von einer Kommission aus Vertretern der Berufsschulen und betrieblichen Experten abgenommen wird, erhält der Lehrling ein Facharbeiterzertifikat.[15]

Hochschulbildung

Siehe Hochschulen

Lehrerausbildung

In Anatolien ist man seit ca. 150 Jahren um ein adäquates Modell für die Lehrerausbildung bemüht. Die Namen und Lehrpläne der Lehrerbildungsanstalten wurden ständig geändert.[16] Eine besondere Erfahrung bieten die Dorfinstitute, (tr: Köy Enstitüleri). Sie waren zwischen 1937 und 1946 gegründete Ausbildungsstätten für Lehrer in der Türkei. Die Dorfinstitute waren Schulen und Internate zugleich, wo Jungen und Mädchen aus den Dörfern der Türkei als Lehrer wiederum ausschließlich für die Dörfer ausgebildet wurden.[17] Bis 1945 konnten sie sich in vielen Landesteilen weiter entwickeln und ausbauen. Ab 1945 begann jedoch parallel zur Einführung des Mehrparteiensystems auch die Phase ihrer schrittweisen Demontage. Ebenfalls im Fahrwasser der damaligen politischen wie auch sozialen Kräfteverhältnisse wurden sie 1954 schließlich per Gesetz endgültig abgeschafft.[17]

Bevor die Lehrerausbildung im Jahre 1982 den Universitäten unterstellt wurde, wurden die Grundschullehrer an den Lehrerschulen (vierjährige Schulen im Anschluss an die Mittelschule) und die Lehrer für die Sekundarstufe (Mittelschule und Gymnasium) an den pädagogischen Instituten ausgebildet. Die Pädagogischen Hochschulen wurden 1982 den Universitäten unterstellt und an mehreren Universitäten Pädagogische Fakultäten errichtet. Gegenwärtig werden die Lehrer für die Primarstufe (die ersten 8 Schuljahre) nur an Pädagogischen Fakultäten ausgebildet. Um schon in der Sekundarstufe erfolgreiche Schülerinnen und Schüler für das Lehrerstudium zu gewinnen, wurden Anadolu - Lehrergymnasien eingerichtet. Der Unterricht an diesen Fachgymnasien wird überwiegend in einer Fremdsprache (meistens Englisch) erteilt.[16]

Um die Qualität der Lehrerausbildung zu verbessern, wurden im Studienjahr 1998/99 im Rahmen eines Weltbank-Projekts die Pädagogischen Fakultäten reorganisiert. Die Lehrerbildungsprogramme entwickelte der Hochschulrat YÖK für die Pädagogischen Fakultäten; sie ähneln im allgemeinen der vervielfältigten Form einer Schablone, die er aus den USA übernommen haben soll.[16] Die Lehrer für zwei Pflichtfächer "nationale Sicherheit" und "Religionsunterricht" werden nicht an den pädagogischen Fakultäten ausgebildet. Sowohl in den betreffenden Dokumenten des Hochschulrats als auch in denen des Ministeriums für Nationale Erziehung besteht das Lehrerbildungssystem aus drei Teilbereichen “allgemeine Kultur”, “Fachwissen” und “Lehrqualifikationen”.[16]

In der Türkei werden Lehrer grundsätzlich für ein Unterrichtsfach ausgebildet. Seit einigen Jahren wird die Lehrerausbildung mit einem Haupt- und mit einem Nebenfach diskutiert.[16]

Deutsche Schulen in der Türkei

2010 existierten in der Türkei vier deutsche Auslandsschulen, bzw. deutsche Schulzweige, die durch das Bundesverwaltungsamt – Zentralstelle für das Auslandsschulwesen – anerkannt sind und entsprechend gefördert werden. Diese Schulen werden durch die Entsendung erfahrener deutscher Pädagogen seit Jahren unterstützt. Das Alman Lisesi und das Istanbul Lisesi bieten neben dem türkischen Gymnasialprogramm die Möglichkeit, die deutsche Reifeprüfung (Abitur) abzulegen. Die Privatschule der Deutschen Botschaft Ankara sowie deren Zweigstelle in Istanbul führt nach Lehrplänen des Bundeslandes Thüringen zu den mittleren Bildungsabschlüssen und danach zum International Baccalaureat (engl/dt). Letztere Schulabschlüsse ermöglichen ein Studium in Deutschland sowie weltweit in Ländern, deren Universitäten das Abitur oder das englischsprachige IB anerkennen.[18]

Im Jahr 1986 wurde das sogenannte Anadolu-Programm (Andolu=Anatolien) gegründet. Ziel dieses Lehrerentsendeprogramms war es zunächst, den vielen türkischen Rückkehrerkindern den Einstieg in das türkische Schulsystem zu erleichtern. Zum Anadolu-Programm gehörten deshalb landesweit Schulen nicht nur mit Deutsch als erster Fremdsprache, sondern mit deutschsprachigem Fachunterricht. Derzeit sind 27 entsandte deutsche Lehrer an 13 staatlichen Anadolu-Gymnasien in Ankara, Istanbul, Izmir, Antalya und Adana tätig. Sie unterrichten Deutsch als erste Fremdsprache.[18]

Sonderfall: Die Imam-Hatip Schulen"

Im Osmanischen Reich ging es darum, gute Moslems zu erziehen. Das geschah an den Medressen.[19]

1924 wurde das Tevhid-Tedrisat Gesetz (Gesetz zur Vereinigung schulischer Unterweisung) verabschiedet. Ziel war eine sekulare, zentralistische und nationale Bildung unter der Leitung des Ministeriums für Nationale Erziehung. Das Ministerium eröffnete eine Fakultät an der Uni Istanbul (Darülfünun), wo Imame und Prediger ausgebildet werden sollen. 1933 wurde die Fakultät aber geschlossen.[19] Entgegen der sekulären Politik der CHP wurden 1948 religiöse Erziehung wieder eingeführt. Eine entsprechende Fakultät wurde 1949 an der Uni Ankara eingerichtet. Unter der Demokratischen Partei (DP) wurden Imam Hatip Schulen (Priesterschulen) 1951 eingerichtet. 1959 kamen Islamische Institute für die Fortbildung der Absolventen der Priesterschulen hinzu.[19]

Nach dem Putsch von 1960 standen die Priesterschulen vor dem Aus, weil die Schüler nur zur Universität zugelassen wurden, wenn sie Prüfungen in den Fächern an normalen Schulen bestanden. Süleyman Demirel erlaubte den Absolventen dieser Schulen aber wieder uneingeschränkten Zugang zu den Universitäten. Nach dem Putsch von 1971 wurden die Priesterschulen zu Berufsschulen erklärt. Absolventen konnten entweder als Prediger arbeiten oder sich auf ein Studium vorbereiten.[19]

In den 1970er Jahren stieg die Zahl der Schulen rasch auf 334 an, Unter der Koalitionsregierung von 1974 (CHP und MSP) wurden in vier Jahren 230 neue Priesterschulen eröffnet. Zwischen 1974 und 1980 stieg die Zahl der Schüler von 48.895 auf 200.300 an. 1976 wurden Frauen an den Schulen zugelassen[19]

Entwicklung seit 1980

Der Putsch von 1980 war auch für die Priesterschulen ein bedeutender Einschnitt. Gab es in der 1950er Jahren gerade mal sieben dieser Schulen, so stieg die Zahl bis 1987 auf 386.[20] Den AbsolventInnen wurde der Zugang zu allen Universitäten gewährt. 1985 wurden zwei neue Priesterschulen eröffnet, eine davon in der Provinz Tunceli, obwohl dort vorwiegend Alewiten leben. Es gab zwar kaum neue Schule, aber die Zahl der SchülerInnen nahm um 45 % zu.[19] Im Schuljahr 1973-74 gab es 34.570 SchülerInnen, 1997 waren es 511.502. Die Zahl der Schulen hatte sich in den 1990er Jahren auf 601 Mittelschulen und 402 Gymnasien für Priester gesteigert. Neben der Religiosität der Bevölkerung war die Ausstattung mit Schlafplätzen und die Zulassung von Mädchen wesentliche Gründe für den Zuspruch. Im Jahre 1998 besuchten fast 100.000 Mädchen eine Priesterschule, obwohl Frauen ein solches Amt nicht einnehmen können.[19]

Die Einführung der 8-jährigen Schulpflicht, in der es keine Priesterschulen für die zweiten vier Jahre der Grundbildung gab, führte zu einer raschen Abnahme an Schulen und SchülerInnen. Hinzu kam, dass nach dem Besuch eines Gymnasiums für Priester, die nun als Berufsschulen galten, der Zugang zur Universität erschwert wurde, da ihre Vorleistungen mit einem anderen Quotienten bewertet wurden als normal.[21]

Mitte der 1990er Jahre gingen 11 % der SchülerInnen auf eine Priesterschule. Die Reformen von 1997 reduzierten die Anzahl auf 2 % im Jahre 2002 als die AKP an die Regierung kam. Die Reform vom März 2012 hat nun 12 Jahre als Schulpflicht eingeführt, die nach Grund-, Mittelschule und Gymnasium (jeweils 4 Jahre) unterteilt sind. Von der Mittelstufe an gibt es wieder spezielle Schulen, darunter auch die Priesterschulen.[21] Nach den Reformen 2012 wurden auf einen Schlag 694 Priesterschulen der Mittelstufe eröffnet. An diesen Schulen schrieben sich ca. 100.000 SchülerInnen ein.[22] Allein in Istanbul schrieben sich ca. 20.000 SchülerInnen an 85 Priesterschulen als Mittelschule ein. Damit besuchen 9 % aller SchülerInnen eine Imam-Hatip-Mittelschule.[22]

Kritik

Seit ihrer Gründung in den 1950er Jahren waren die Priesterschulen umstritten.[23] Kenan Cayir, Dozent für Soziologie an der Bilgi Universität in Istanbul, befürwortet sie, weil sie seiner Meinung nach Islam und Modernität zusammen bringen.[23] Der Verein der Industriellen TÜSIAD ist dagegen. Nach einer Recherche des Vereins aus 1998 sollen 32 % der Absolventen anschließend Jura studieren. Der Verein hält die SchülerInnen aber nicht für ein öffentliches Amt geeignet, da sie aus einem anderen Umfeld kommen. Dem widersprachen Politiker, wie der damalige Minister für Nationale Erziehung, Avni Akyol, der in dieser Haltung das Prinzip der Chancengleichheit verletzt sieht.[19]

In der Reform von 2012 haben Kritiker einen Racheakt der AKP Regierung gegen die Schließung der Schulen im Jahre 1997 gesehen.[24] Eine Stiftung von alten SchülerInnen der Priesterschulen (TİMAV) veröffentlichte eine Untersuchung zu den Priesterschulen, bei der zwischen dem 24. April und dem 18. Mai 2012 2.689 Personen in 26 Provinzen befragt wurden. Eine Mehrheit der Befragte, die zum großen Teil eine solche Schule nicht besucht hatten, waren der Schulform gegenüber positiv eingestellt.[24]

Das Gesetz vom März 2012 wurde ohne öffentliche Debatte verabschiedet und nicht einmal in den Gremien des Ministeriums diskutiert. Es soll auch dem Regierungsprogramm aus dem Jahre 2011 wiedersprechen. Einige Experten meinen, dass das Gesetz pädagogischen Normen zuwiderlaufe und soziale Ungleichheiten vertiefe.[21] Die führenden Universitäten des Landes, einschließlich der Sabanci Universität, der Bosporus Universität, der Nahost-Technischen Universität und die Koç Universität haben sich im Vorfeld der Verabschiedung des Gesetzes negativ dazu geäußert. Sie hielten den Entwurf für übereilt, rückwärts gerichtet und empfanden als Widerspruch zur momentanen Denkweise.[21]

Zahlen und Daten

Im April 2012 wurden folgende Zahlen veröffentlicht.[25] im Schuljahr 2011-2012 waren an 60.165 Schulen der Türkei 25.429.670 SchülerInnen. An den Schulen gab es 880.317 LehrerInnen. Bei den Vorschulen gab es eine Steigerung um 1.019 auf 28.625, an denen 1.169.556 Kinder von 55.883 BetreuerInnen versorgt wurden. Für die 8-jährige Grundschulausbildung gab es 32.108 Schulen. Die Zahl der unterrichteten Kinder fiel im Vergleich zum Vorjahr und 1.799. Die Zahl der LehrerInnen steig von 503.328 auf 515.852. Auf den 9.672 Gymnasien stieg die Zahl der SchülerInnen um 7.676. Hier unterrichten 235.814 LehrerInnen 4.756.286 SchülerInnen.

Die Europäische Union nannte im Fortschrittsbericht 2012[26] folgende Angaben: Die Vorschulen für Kinder im Alter von 4-5 Jahren werden von 44% dieser Kinder in Anspruch genommen (1% mehr als im Vorjahr). Es wurden 15% mehr BetreuerInnen eingestellt. Im Grundschulalter (6-13 Jahre) gehen 99,3% der Kinder zur Schule. Danach sind es nur noch 67,4%. Es gibt ein starkes regionales Gefälle beim Einschreiben an den Schulen vor allem in den östlichen Provinzen. Besonders in Familien von Saisonarbeitern (in der Landwirtschaft) und Familien der Roma war die Zahl von Schulabbrüchen und Fehlzeiten besonders hoch. Es muss noch ein wirksamer und Beobachtungs- und Inspektionsmechanismus für die Vorschulerziehung und -betreuung entwickelt werden.

Bei einem Vergleich der PISA Studien zwischen Deutschland und der Türkei werden folgende Zahlen (Punkte und Rang) genannt:

Land Mathe Rang Lesen Rang Naturw. Rang
Deutschland 513 10 497 16 520 9
Türkei 445 32 464 32 44 32

Dennoch ist Prof. Dr. Andreas Schleicher, internationaler Koordinator der PISA-Studien, der Meinung, dass die Türkei rasant aufholt.[27] In diesem Interview sagte er u.a.: "Die Ergebnisse für die Türkei liegen noch am unteren Ende der Leistungsskala. Die Türkei holt jedoch in beeindruckendem Tempo auf. In den Naturwissenschaften gibt es kein Land unter den OECD-Staaten, das größere Leistungsgewinne zu verzeichnen hat... In der Türkei ist der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf Bildungsleistungen deutlich schwächer ausgeprägt als in Deutschland. Allerdings sind fast 40 Prozent der türkischen Kinder im Alter von 15 Jahren nicht mehr regelmäßig in der Schule, hier hat die Türkei großen Nachholbedarf."

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweis

  1. 1.0 1.1 1.2 1.3 1.4 Siehe Kompetenz-Portal für die Lehrkräfte der türkischstämmigen Schüler in Deutschland Schulsystem Türkei (ohne Datum); Zugriff am 4. November 2012
  2. Das Gesetz 6287 vom 30, März 2012 (Veröffentlichung im Amtsblatt am 10. April 2012) veränderte das Gesetz 20 zur Grundschule und -ausbildung vom Januar 1961. Es kann auf den Seiten des Erziehungsministeriums nachgelesen werden (in Türkisch).
  3. 3.0 3.1 Aus einem Vortrag von Dr. Kemal Aytac, den er am 30. April 1968 in Frankfurt/M. im Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung hielt DAS BILDUNGSSYSTEM UND DER BILDUNGSSTAND IN DER TÜRKEI; Zugriff am 4. November 2012
  4. 4.0 4.1 Jenny Schwarte Das Schulsystem der Türkei beu turkdunya.de; Zugriff am 5. November 2012
  5. Der Hintergrund wurde 2002 vom Ministerium verfasst OVERVIEW OF THE HISTORICAL DEVELOPMENT; Zugriff am 4. November 2012
  6. Zitiert nach den Education Statistics des Erziehungsministeriums für 2002; Zugriff am 4. November 2012
  7. Robert-Bosch Stiftung Zum Schulsystem in der Türkei (ohne Datum); Zugriff am 5. November 2012
  8. Der Gesetzestext ist den Seiten des Amtsblattes (Türkisch) einzusehen; Zugriff am 5. November 2012
  9. Siehe einen Artikel bei qantara.de vom 11. Juli 2012 Der Islam rückt in den Vordergrund; Zugriff am 5. November 2012
  10. Siehe ein Beispiel aus der Provinz Bursa in olay.com vom 20. Juni 2012 Bursa okullarında 4+4+4 düzeni; Zugriff am 5. November 2012
  11. Siehe den Bericht in Spiegel Online vom 12. September 2012 Türkei führt Kurdisch als Wahlfach ein; Zugriff am 5. November 2012
  12. Laut einer Seite für das Personal des Nationalen Erziehungsministeriums vom 23. September 2012 4+4+4 seçmeli ders uygulaması getirilmiştir.; Zugriff am 5. November 2012
  13. Siehe einen Artikel in deutsch-türkische Nachrichten vom 2. Oktober 2012 Kurdisch-Unterricht findet wenig Anklang; Zugriff am 5. November 2012
  14. 14.0 14.1 Dies geht aus einer Meldung in der Tageszeitung Radikal vom 11. August 2012 hervor Ortaöğretim'de okul türleri azalacak; Zugriff am 5. November 2012
  15. 15.0 15.1 15.2 Information der Bundesanstalt für Arbeit Aus- und Weiterbildung in der Türkei; Zugriff am 5. November 2012
  16. 16.0 16.1 16.2 16.3 16.4 Dr. Ayhan Aydın und Dr. Hasan Çoşkun Lehrerausbildung in der Türkei, Website van Em.Prof.Dr.Herman De Ley (UGent); Zugriff am 5. November 2012
  17. 17.0 17.1 Istanbul Post Verkannte Pädagogik (ohne Datum) vermutlich 17. April 2010; Zugriff am 5. November 2012
  18. 18.0 18.1 Die Informationen wurden dem Türkei Länderbericht der Koopreation International im Bundesministerium für Bildung und Forschung entnommen; Zugriff am 6. November 2012
  19. 19.0 19.1 19.2 19.3 19.4 19.5 19.6 19.7 Eine Studie der Türkischen Stiftung für Wirtschaftliche und Soziale Studien (tr: Türkiye Ekonomik ve Sosyal Etüdler Vakfı) mit dem Titel "İmam Hatip Liseleri: Efsaneler ve Gerçekler (Imam Hatip Schulen: Legende und Realität) wurde im Oktober 2004 heraus gegeben. Das 268 Seiten umfassende Dokument hat eine englische Zusammenfassung (Seiten 39-53) und kann als PDF-Datei herunter geladen werden; Zugriff am 7. November 2012
  20. Siehe den Bericht von amnesty international vom November 1987: Prosecution of Religious Activists
  21. 21.0 21.1 21.2 21.3 Siehe auch einen Artikel von Andrew Finkel in International Herald Tribune vom 23. März 2012 What’s 4 + 4 + 4?; Zugriff am 7. November 2012
  22. 22.0 22.1 Eine Nachricht in haberbirim.com vom 19. September 2012 İmam hatiplerin yeniden doğuşu; Zugriff am 6. November 2012
  23. 23.0 23.1 Dazu ein Artikel bei Voice of America vom 25. September 2012 In Turkey, Religious Schools Gain a Foothold; Zugriff am 7. November 2012
  24. 24.0 24.1 Dazu ein Artikel in Today's Zaman vom 2. September 2012 Turkey to launch new imam-hatip school for international students; Zugriff am 7. November 2012
  25. Der Bericht in hurriyetegitim.com vom 18. April 2012 Öğrenci sayısı düştü, öğretmen ve derslik sayısı arttı beruft sich auf Zahlen des Ministeriums für nationale Erziehung; Zugriff am 5. November 2012
  26. Der 94 Seiten umfassende Bericht (Englisch) kann als PDF Datei herunter geladen werden. Die Zahlen stehen auf der Seite 27.
  27. Siehe dazu ein Interview mit den deutsch-türkischen Nachrichten vom 15. Dezember 2010 Die Türkei holt in beeindruckendem Tempo auf!; Zugriff am 6. November 2012