Blutsonntag (Türkei)

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In der Türkei bezieht sich der Begriff "blutige Sonntag" (tr: kanlı Pazar) auf die Proteste am 16. Februar 1969 gegen das Anlegen der 6. Flotte der USA in Istanbul. Linke Demonstranten wurden von Rechten angegriffen. Es gab 2 Tote.[1]

Ereignisse davor

Seit 1967 wurde gegen den Besuch der 6. Flotte der USA in der Türkei protestiert.[2] Im Juli 1968 war es zu Protesten gekommen. Daraufhin durchsuchte die Polizei in Istanbul am 17.07.1968 ein Studentenheim der Istanbuler Universität. Der Jurastudent Vedat Demircioğlu wurden aus dem Fenster gestoßen und starb.[3]

Am 10. Februar 1969 war die 6. Flotte vor Dolmabahçe (Istanbul) vor Anker gegangen.[4] In verschiedenen Städten der Türkei wurden Proteste veranstaltet.[2] In Istanbul waren Studenten, Gewerkschaften und andere linke Oppositionskräfte zusammengekommen, um eine Kundgebung zu organisieren.[5] Die Kundgebung stand unter dem Motto "Gegen Imperialismus und Ausbeutung".[2] Der Protestmarsch sollte am Platz Beyazıt beginnen und zum Taksim Platz führen.

Die Organisatoren hingen ein Portrait des im Vorjahr getöteten Vedat Demircioğlu am Turm in Beyazıt auf. Dies wurde in der Presse als "Hissen der kommunistischen Flagge" wiedergegeben.[2] Daraufhin veranstaltete der Verein zum Kampf gegen Kommunismus mit Unterstützung der AP und MHP am 14.02.1969 eine Kundgebung unte dem Motto "Respekt für die Flagge".[2] Hier wurde zum Angriff auf die Demonstration in zwei Tagen aufgerufen. In Presseorganen wie Bugün und Sabah erschienen entsprechende Schlagzeilen. Mehmet Şevket Eygi rief zum Dschihad auf.[2]

Der blutige Sonntag

Die Demonstration am 16. Februar 1969 war von 76 Jugendorganisationen angemeldet worden. Der Verein zum Kampf gegen Kommunismus (tr: Komünizmle Mücadele Cemiyeti) hatte zu einer Gegendemonstration aufgerufen. Während der Kundgebung griffen rechtsradikale Gruppierungen unter dem Schutz der Ordnungskräfte die protestierenden Menschen an.[5] Unter den Augen der Polizei wurden Ali Turgut Aytaç und Duran Erdoğan getötet.[6][7] Hundert Personen wurden verletzt.[2] Andere Quellen sprechen von 114 Verletzten.[8]

Kritik des Geschehens

Vierzig Jahre nach dem Vorfall sind kritische Stimmen laut geworden. Yaşar Okuyan, der zu der Zeit zu den "Idealisten" gehörte, hat in seinem Buch "Jene Jahre" (tr: “O Yıllar”) längere Passagen dem Ereignis gewidmet. In einem Interview mit dem Fernsehsender OdaTV sagte er u.a.:[9]

Wir waren damals in der Nationalen Studentenföderation der Türkei (tr: Türkiye Milli Talebe Federasyonu, TMTF). Sie stand unter der Führung von einer Gruppe, die wir als Idealisten, Nationalisten bezeichneten. Die Nationale türkische Studentenunion (tr: Milli Türk Talebe Birliği, MTTB) war seinerzeit (1968 - 1969) unter der Kontrolle von islamischen Gedanken. Wir nahmen an einigen ihrer Aktionen teil, weil wir sie übernehmen wollten.[9]
Eines Tages hieß es, dass die Kommunisten den Taksim-Platz besetzen wollen. Zur Gegenaktion sollten wir um 5 Uhr bei der Union sein. Sieben oder acht Leute von uns sind hingegangen. Dort wurden von zwei LKWs Stöcke verteilt. Wir erhielten blaue Bänder, um uns untereinander und von der Polizei als Anti-Kommunisten erkannt zu werden. Wir schauten dann nur aus der Ferne zu. Es waren wohl 20-30.000 Menschen. Die Mitglieder der Föderation der Meinungsclubs (tr: Fikir Kulüpleri Federasyonu) kam von Gümüşsuyu zum Taksim-Platz. Direkt vor dem Marmara Hotel erfolgte der Angriff. Die Polizisten schlugen nur auf die ohne ein blaues Band ein. Es sollte geklärt werden, wer aus der jetzigen Regierung damals bei der Studentenunion aktiv war.[9]

Der stellvertretende Vorsitzende der MTTB, Abdürrahim Boynukalın, Student für internationale Beziehungen an der Universität Istanbul, hat den blutigen Sonntag zum Thema seiner Diplomarbeit gemacht. Er nannte die Ereignisse eine Provokation. Sie hätten ihre Lehre daraus gezogen und seien deshalb nicht mehr auf der Straße.[8] Es sei eine Aktion des tiefen Staates gewesen, die Stöcke seien von zivil gekleideten Polizisten verteilt worden und später habe sich herausgestellt, dass von Dächern und Hotels geschossen wurde, sagte Boynukalın.[8] Der Vorsitzende der Partei der Stimme des Volkes (HAS Partei), Numan Kurtulmuş, wünschte sich, dass sich die religiös-konservativen Kreise an den Protesten gegen die 6. Flotte beteiligt hätten.[4]

Einzelnachweis

  1. Kurze Geschichte der Republik Türkei; Zugriff am 22.04.2011
  2. 2.0 2.1 2.2 2.3 2.4 2.5 2.6 Kanlı Pazar: İktidar yönetiminde kanlı oyun; Blutiges Spiel unter Leitung der Regierung; erstellt am 01.02.2011; Zugriff 22.04.2011
  3. Orhan TÜLEYLİOĞLU, Neden Öldürüldüler; Warum wurden sie getötet?, 350 Seiten, ISBN: 9758084937; Februar 2007, Publikationen der Stiftung Uğur Mumcu
  4. 4.0 4.1 KANLI PAZAR OLAYI NEDİR?; Was ist der Vorfall des blutigen Sonntags; Interview mit Nergis Demirkaya, veröffentlicht in Uyanış Haber vom 28.11.2010; Zugriff am 22.04.2011
  5. 5.0 5.1 [www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/213_214Bilgin.pdf Ayhan Bilgin: Die 68er Bewegung in der Türkei]; veröffentlicht in UTOPIE kreativ, H. 213/214 (Juli/August 2008), S. 628-645; Zugriff am 22.04.2011
  6. 40. yılında tüm ayrıntıları ile 12 Mart muhtırası (1), Serie zum 40. Jahrestag des Memorandums, publiziert am 10.03.2011; Zugriff am 19.04.2011
  7. 68’liler Kanlı Pazarı unutmadı, Tageszeitung Evrensel vom 17.02.2008; Zugriff am 19.04.2001
  8. 8.0 8.1 8.2 Kanlı Pazar'dan dersimizi aldık; Wir haben unsere Lehre aus dem blutigen Sonntag gezogen, Zaman vom 15.02.2011; Zugriff am 22.04.2011
  9. 9.0 9.1 9.2 KANLI PAZAR’DA HÜKÜMETTEN KİMLER VARDI?; Wer von der Regierung war beim blutigen Sonntag?, veröffentlicht am 10.03.2010; Zugriff am 22.04.2011