Die Geschichte des Konfliktes

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Vorgeschichte

Zu den ersten offiziellen Beziehungen zwischen Kurden und dem osmanischen Reich kam es im Jahre 1514. Am Krieg von Caldiran zwischen dem Safewiten-Reich im Iran und den Osmanen hatten die Kurden auf Seiten der Osmanen teilgenommen. Dadurch erlangten sie die Möglichkeit, ihre autonomen Herrschaftsformen im osmanischen Reich fortzuführen. Die autonome Struktur der kurdischen Fürstentümer dauerte bis ins 19. Jahrhundert, ohne zu großen Problemen zu führen. Anfang des 19. Jahrunderts begannen die Osmanen, die Reichsstruktur zu zentralisieren und versuchten dabei auch, die autonome Struktur der kurdischen Fürstentümer einzuschränken. Dies führte zu Aufständen seitens der Kurden.

Diese Phase, die mit dem Aufstand des Herrschers von Revanduz, Abdurrahman Pascha 1806 begann, erreichte mit dem Aufstand des Herrschers von Botan, Serafhan, im Jahre 1839 ihren Höhepunkt. Bis zum Jahre 1880 gab es zahlreiche Aufstände, in deren Folge die kurdischen Fürsten ausgeschaltet wurden und die autonomen Herrschaftstrukturen ein Ende fanden. In der Zeit, die mit dem Aufstand des Scheichs Ubeydullah 1880 begann und durch Scheich Mahmud Berzenci fortgeführt wurde, wandelten sich die politischen Forderungen der Kurden: es ging immer deutlicher um Unabhängigkeit. Bis zum 1. Weltkrieg gab es eine ganze Reihe von Aufständen. Teile der kurdischen Eliten waren nun entschlossen, einen unabhängigen Staat zu gründen.

Der Vertrag von Sevres, der nach dem 1. Weltkrieg von den Siegermächten und der osmanischen Regierung unterschrieben wurde, enthielt Artikel über die Unabhängigkeit der Kurden. Allerdings wurde in den Vertrag nur ein Teil der kurdischen Gebiete einbezogen und die später avisierte Gründung eines unabhängigen kurdischen Staates durch zahlreiche Auflagen deutlich erschwert, bzw. fast unmöglich gemacht.

In dem Übereinkommen zwischen den alliierten Siegermächten des Weltkrieges unter der Federführung der Engländer und dem in Anatolien neu gegründeten türkischen Staat unter Mustafa Kemal, dem Vertrag von Lausanne von 1923 spielten die Überlegungen des obsolet gewordenen Sevres-Abkommens keine Rolle mehr. Der britischen Regierung ging es nun vornehmlich um ihre Ölinteressen und die Region Kurdistan wurde mitsamt ihrer Bevölkerung auf vier (z.T. spätere) Staaten aufgeteilt. Die Kurdenfrage verschwand von der internationalen Tagesordnung.


Die Anfangszeit der Türkischen Republik

Die türkische Republik, die aus den Ruinen des osmanischen Reiches aufgebaut wurde, hatte viele Probleme von den Osmanen übernommen. Eines davon war und ist die Kurdenfrage. Als Mustafa Kemal 1919 nach Anatolien kam, versprach er, daß die Kurden einen gleichberechtigten Platz im neu zu gründenden Staat einnehmen würden. Seine Praktiken und Organisationsformen in Anatolien aber zeigten, daß dies nicht seine wahre Absicht war. Führende kurdische Kreise riefen im Gegenzug die ersten oppositionellen Bewegungen ins Leben. 1920 begann in der Region des westlichen Dersim der kurdische Aufstand von Kocgiri. Die politischen Ziele und die Strategie dieses Aufstandes sind für die heutige Forschung nicht eindeutig. Die führenden Kader der Bewegungen stellten unterschiedliche Forderungen auf, die von einem unabhängigen Staat bis zur Autonomie reichten. Die Bewegung war zudem auf allen Gebieten schlecht vorbereitet. Ein großer Teil der Kurden versagte dieser Bewegung schließlich ihre Unterstützung und nahm lediglich eine beobachtende Position ein. So wurde die Bewegung mit der neu formierten Armee von Mustafa Kemal und ad hoc gebildeten paramilitärischen Gruppen blutig zerschlagen.

Mit der Niederschlagung dieser Bewegung verloren die Kurden allerdings auch die Möglichkeit, Politik auf legaler Ebene zu betreiben. Sie gründeten eine geheime politische Partei mit dem Namen "Azadi" (Freiheit) und begannen Aktivitäten mit dem Ziel der Unabhängigkeit.

Nach der Gründung der Türkischen Republik wurde mit der Verfassung von 1924 ein türkischer Staat ausgerufen, in dem (mit Ausnahme der christlichen und jüdischen Minderheiten) alle Nationen und ethnischen Gruppe auf dem Staatsterritorium als nicht existent betrachtet und als "Türken" bezeichnet wurden.

Weite Teile der kurdischen Bevölkerung sahen erneut den bewaffneten Widerstand als unausweichlich an, da man ja ihre ethnische Identität verleugnen wollte. Als Ende 1924 die Führer von "Azadi" verhaftet wurden und die für Kurdistan zentralen Bildungsinstitute, die Medresen, geschlossen wurden, war dies der Auslöser für den kurdischen Aufstand von 1925. Die Aufständischen nahmen innerhalb kurzer Zeit wesentliche Teile Kurdistans ein. Die türkische Staatsführung schlug nach einem anfänglichen Schock den Aufstand jedoch schnell nieder. Die am Aufstand Beteiligten wurden vor den neu gebildeten "Gerichten der Unabhängigkeit" (istiklal mahkemeleri) angeklagt und zum Tode verurteilt. In dieser Zeit wurden mehr als 15.000 Kurden getötet und an die 900 Dörfer vernichtet.


"Der Reformplan für den Osten" - gültig für mehr als 70 Jahre

Für die türkische Republik war dieser Aufstand ein zentraler Punkt für die Bestimmung iher weiteren Kurdenpolitik. Es wurde ein 'Reformplan für den Osten' (sark islahat plani) entwickelt, in dem die offizielle Position und die Handlungsprinzipien für das Kurdenpoblem festgelegt wurden.

Es handelte sich um ein breit gefächertes Programm, nach dem seit nunmehr über 70 Jahren verfahren wird. Während türkische Politiker von einem "Reformplan" sprechen, sind kurdische Historiker der Meinung, daß die Grundpfeiler dieses Planes mit den Begriffen Assimilation, Deportation-Umsiedlung und Massenmord bezeichnet werden können und diese drei Aspekte seit mehr als 70 Jahren mehr oder weniger intensiv angewendet werden. Fest steht jedoch: Dieser Plan hat bis heute nicht das von seinen Initiatoren gewünschte Resultat erzielt.

Obwohl der Aufstand von 1925 zu einer militärischen Niederlage führte, verzichtete die kurdische Bevölkerung nicht auf die während des Aufstandes propagierten Forderungen. 1927 wurde in Beirut eine neue kurdische Partei unter dem Namen 'Hoybun-Verein'gegründet. Zwischen 1927 und 1930 kam es zum Aufstand von Agri. Auch diese Bewegung, der es sowohl an in- wie ausländischer Unterstützung mangelte, endete in einer Niederlage.

In dieser Zeit wurde in der türkischen Republik der Staatsgedanke zum tragenden politischen Element. "Auf allen Ebenen muß alles für den Staat geschehen" war nun die offizielle Parole. Die Durchsetzung dieser offiziellen Ideologie, die auf dem Gedanken der Identität von türkischem Staat und türkischer Nation fußte, wirkte sich auch auf die Kurden aus.

Auf der geistigen Grundlage des sich ab 1930 herausbildenden, geradezu chauvenistischen Nationalismus wurden unter der kemalistischen Ein-Parteien-Herrschaft zunehmend antidemokratische Praktiken angewandt, zu denen auch neue Gesetze bezüglich der Kurden zählten. Eine Reihe gesetzlicher Vorschriften wurde unter dem Titel "Tunceli-Gesetze" verabschiedet. Als dann auch noch das staatliche Siedlungsgesetz mit der Nummer 2510 erlassen wurde, auf dessen Grundlage die kurdische Bevölkerung im Westen angesiedelt werden sollte, kam es zu einem erneuten Aufstand. Auch dieser, Dersim-Aufstand genannte, wurde 1937/38 blutig niedergeschlagen. 40.000 Kurden wurden ermordet und 500.000 Kurden deportiert.

Der Beginn des 2. Weltkrieges führte in der Türkei zu großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die daraus resultierende Verarmung und vor allem der Massenmord von 1938 führte auf kurdischer Seite zu einer langen Zeit des Schweigens.

Der Neubeginn kurdischer Opposition Ende der fünfziger Jahre

Nachdem die Türkei 1949 zu einem Mehrparteiensystem übergegangen war, glaubten auch zahlreiche Kurden, daß sie ihre Probleme im bestehenden Parlament lösen könnten. Sie betätigten sich in den etablierten politischen Parteien.

Eine eigentliche kurdische Opposition trat erst später zutage, als die in der Politik Engagierten feststellen mußten, daß ihre Hoffnungen in den etablierten Parlamentsbetrieb vergeblich gewesen waren. Die Verhaftung und das Gerichtsverfahren von den "neunundvierzig" (tatsächlich waren es 51 Angeklagte) kurdischen Intellektuellen im Jahre 1959 brachte die Kurdenfrage wieder auf die Tagesordnung.

Der Aufbruch in den sechziger Jahren

Nach dem Militärputsch vom 27. Mai 1960 wurde mit der Verfassung von 1961 erneut ein Mehrparteiensystem eingeführt. Damit konnte sich in der Türkei nun auch linkes Gedanken organisieren. Ein großer Teil der geistigen Führungsschicht der kurdischen Bevölkerung war nun in linken Parteien und Vereinen aktiv. Von besonderer Anziehungskraft für sie war die "Arbeiterpartei der Türkei" (TIP). Sie hatte ein sozialistisches Programm und war mit 15 Abgeordneten im Parlament vertreten - allerdings wurde diese Partei 1971 vom Verfassungericht verboten, da sie die Kurden als eigenes, gesondertes Volk ansah. Die übrigen linken Organisationen, die als "türkische Linke" bezeichnet wurden, beschäftigten sich mit der Kurdenfrage nur hinsichtlich wirtschaftlicher Dimensionen. Sie behaupteten, daß die Kurdenfrage sich von selber löse, wenn in der Türkei eine sozialistische Herrschaft errichtet worden sei. Das konnte naturgemäß die an der Lösung ihrer Probleme interessierten Kurden nicht zufriedenstellen.

Deshalb begannen die Kurden, sich eigenständig auf legaler und illegaler Ebene zu organisieren. Der kurdische Aufstand im Irak unter der Führung von Mustafa Barzani hatte einen großen Einfluß auf die Vorstellung der "getrennten Organisierung". Auf der illegalen Ebene hatten die "Demokratische Partei Kurdistans" (KDP) und die "Demokratische Partei von Türkei-Kurdistan" (TKDP), auf legaler Ebene die "Revolutionären Kulturvereine des Ostens" (DDKO) großen Anteil daran, daß sich das kurdische Volk organisierte und sich zu seiner Identität bekannte.

Ahmet Hamdi Basar, der persönlicher Sekretär von Atatürk gewesen war, brachte 1962 eine Zeitschrift unter dem Namen 'Welt des Friedens' heraus. In dieser Zeitschrift wurden Themen wie freie Marktwirtschaft und die Anerkennung von kulturellen Rechten der Kurden behandelt. Wichtig an dem Erscheinen dieser Artikel war vor allem, daß solche Thesen nun von Kreisen vertreten wurden, die dem Staatsapparat nahestanden. Allerdings wurde diese Initiative nach kurzer Zeit zum Schweigen gebracht.

Der Militärputsch von 1971

Nach dem Militärputsch vom 12. März 1971 richtete sich die Repression sowohl gegen die türkische Linke, als auch gegen Angehöriger kurdischer Organisationen.

Hunderte von Kurden wurden verhaftet und viele von ihnen verurteilt. Nach der Amnestie von 1974 begannen die Kurden, sich auf der Basis linker Programmatik und teilweise mit dem Ziel eines unabhängigen Kurdistans erneut zu organisieren. Während auf der einen Seite die Revolutionären Kulturvereine des Ostens (DDKD) in vielen Provinzen und Kreisen großen Zulauf hatten, wurden auf der anderen Seite illegale Organisation wie die "Kurdische Arbeiterpartei" (KIP), die "Sozialistische Partei von Türkei-Kurdistan" (TKSP), die "Arbeiterpartei Kurdistans" (PKK), KAWA und Rizgari gegründet. Die illegalen Parteien gründeten ihnen nahestehende Vereine, die legal operierten und Zeitungen und Zeitschriften herausgaben. Allerdings waren die kurdischen und linken türkischen Organisationen stark zersplittert und bekämpften sich untereinander.

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